Ein Arzneimittelskandal und der Versuch einer künstlerischen Aufarbeitung – Ausstellungseröffnung am 04.06.2018

Es gibt Skandale, die vom Zeitgeschehen in den Hintergrund gedrängt und dort vergessen werden. Und dann gibt es absichtlich vergessene Skandale, die erst spät an die Öffentlichkeit gelangt sind, die die Leidtragenden aber bis in die Gegenwart nicht vergessen können. Ein solcher Skandal war in der DDR die Anti-D-Prophylaxe in den Jahren 1978/1979.

Am 04.06., einem Montag, füllte sich der Veranstaltungsraum in der Gedenkstätte mit Besuchern, obwohl die Magdeburger Volksstimme der Veranstaltung keine Aufmerksamkeit schenkte und erst einen Tag nach der Eröffnung die Information zur Ausstellung abdruckte. Dem schwierigen Thema stellte sich ein überwiegend weibliches Publikum, dazwischen fanden 3 Herren ihren Platz.

Ein Teil der Besucherinnen kennt das Thema, leider sehr genau. Sie müssen sich seit Jahrzehnten mit den Folgen des nicht bekannt gewordenen Arzneimittelskandals tagtäglich auseinandersetzen. Sie wollten ein Kind und verloren ihr „eigenes“ Leben durch ein kontaminiertes Serum, das ihnen nach der Entbindung oder einer Fehlgeburt gespritzt wurde. Ihr „neues“ Leben wurde durch Krankheit, Ungewissheit, Ängste und Verlust geprägt, spürbar bis heute.

Die ReferentinDr. Carolin Wiethoff (Universität Ulm) ist die Co-Autorin der Studie „Vertuschter Skandal. Die kontaminierte Anti-D-Prophylaxe in der DDR 1978/1979 und ihre Folgen“  (Mitteldeutscher Verlag 2016) und war die Referentin des einleitenden Vortrages an diesem Abend. Sie stellte die wichtigsten Ergebnisse der Studie vor und rekonstruierte die damaligen Vorgänge um die Anti-D-Prophylaxe. Sie analysierte und verdeutlichte darüber hinaus die Folgen für die Frauen und ihre Angehörigen.

Ergänzend zu den Fakten der Historikerin erzählten einige der anwesenden Frauen ihre Geschichten von unterschiedlichen Lebenswegen mit vergleichbaren Schicksalen. Bewegend und erschütternd; Fassungslosigkeit im Publikum; Kopfschütteln, wenn es um die Auseinandersetzungen mit den Versorgungsämtern geht.

Wolf

„Angst“, Juli 2017, von Monika (damals 22 Jahre alt) „Meine Angst nach der Spritze – Isolation, Wut, Aggression, Gewalt, Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass, Unfassbarkeit, Willkürlichkeit der Ämter, Erniedrigung, Entmenschlichung, Depression, Verzweiflung, Resignation, Suizid! …“

Die Bilder der Ausstellung, die nach dem Vortrag und den Statements im Mittelpunkt standen, sind Arbeiten von zehn Frauen. Sie haben während einer Projektwoche mit einer Kunst-Therapeutin im Jahr 2017 versucht, mit künstlerischen Mitteln ihre Ängste und Traumata aufzuarbeiten. Diese Projektwoche fand auf Initiative des Deutschen Vereins Anti-D HCV-Geschädigter e.V. statt.

Gern hätten wir alle Werke gezeigt, doch aufgrund von der DHL nicht weiter benannten Gründen ist ein Paket mit Original-Bildern nicht aufzufinden. In der Ausstellung werden ersatzweise Fotokopien der Bilder gezeigt …

BilderDHL

Nach dem Vortrag von Frau Wiethoff, beim Rundgang durch die Ausstellung, gab es angeregte Gespräche zwischen den Besuchern, Erklärungen zu den Bildern und Kopfschütteln über die DHL …Im Gespräch


Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Juli 2018 zu sehen.


Fotos: Bettina Wernowsky