30 Jahre Friedliche Revolution – 30 Jahre Herbst ’89

Wir wollen hier ab Januar 2019 an Ereignisse und Vorkommnisse aus dem Herbst 89 erinnern. Haben Sie noch Erinnerungen? Oder vielleicht sogar Fotografien? Wir freuen uns auf Ihre Nachrichten!

Außerdem: Unsere Bibliothek hält eine große Anzahl von Publikationen zum Thema bereit.


Januar 1989


11.1.1989 Das ungarische Parlament schafft gesetzliche Voraussetzungen, die es künftig erlauben, Vereinigungen und politischen Parteien zu bilden. Das Parlament verabschiedet außerdem eine Verfassungsänderung, die eine Einführung des zivilen Ersatzdienstes für Kriegsdienstverweigerer ermöglicht.

Etwa 20 ausreisewillige DDR-Bürger, die sich seit Jahresbeginn in der ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin aufhielten, verlassen das Gebäude, weil ihnen die DDR-Behörden Straffreiheit zugesichert haben. Einige von ihnen können in den folgenden Tagen ausreisen.

15.1.1989 In Prag treibt die Polizei eine Demonstration auf dem Wenzelsplatz anlässlich des 20. Jahrestages der Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach brutal auseinander.

16.1.1989 In Leipzig löst die Polizei gewaltsam einen Schweigemarsch auf. Mehrere hundert Demonstranten forderten Pressefreiheit. Es wurden zahlreiche Personen  festgenommen. 

18.1.1989 Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Polens spricht sich mit großer Mehrheit für politischen und gewerkschaftlichen Pluralismus aus. Damit öffnet es den Weg zur schrittweisen Legalisierung der verbotenen Gewerkschaft “Solidarität”.

Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow kündigt eine Reduzierung des Verteidigungsetats sowie der Rüstungsproduktion an.

21.1.1989 Der in Oppositionskreisen aktive polnische Priester Stefan Niedzielak wird mutmaßlich wegen seines Engagements für das Gedenken an Katyń ermordet.

23.1.1989 Die 35 Teilnehmerstaaten des KSZE-Folgetreffens in Wien haben am 15.1. einem Schlussdokument zugestimmt, das den Weg für ein neues Forum für konventionelle Abrüstung in Europa ebnet. Nach der Veröffentlichung des KSZE-Abschlussdokuments zwei Tage zuvor in »Neues Deutschland« warnt Stasi-Minister Erich Mielke die Leiter der Diensteinheiten, dass oppositionelle Kräfte in der DDR ermutigt werden könnten.

26.1.1989 Der Oberste Sowjet der Sowjetrepublik Litauen erhebt Litauisch zur Staatssprache. Der 16. Februar, der Tag, an dem Litauen 1918 seine Unabhängigkeit von Russland erklärte, wird zum Feiertag deklariert. Am 17. Februar werden auch in Estland vergleichbare Beschlüsse gefasst.


Februar 1989


4.2.1989 Zum Abschluss seines viertägigen Chinabesuchs kündigt der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse den Abzug von 260 000 Soldaten aus dem Süden und Osten der UdSSR sowie den Rückzug von drei Vierteln aller in der Mongolei stationierten Truppen an.

5.2.1989 In der sowjetischen Wochenzeitschrift “Argumentij i Fakti” publiziert der Historiker Roi Medwedew erstmals in einem offiziellen Presseorgan detaillierte Zahlenangaben über die Opfer der Stalin-Herrschaft. Medwedew erklärt, rund 15 Millionen Menschen seien während der Stalin-Diktatur umgekommen.

6.2.1989 Erster Runder Tisch in Polen Trotz des verhängten Kriegsrechts und des Verbots der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność müssen sich die kommunistischen Machthaber in Warschau dem Druck der polnischen Streikbewegung beugen. Am 6. Februar 1989 tritt die Staatspartei in einen öffentlichen Dialog mit der Opposition. Der erste »Runde Tisch« in Polen wird später zum Vorbild für die Demokratisierung in der DDR und anderen mittelosteuropäischen Staaten.

6.2.1989 An der Berliner Mauer wird der 20-Jährige Schlosser Chris Gueffroy von DDR-Grenzsoldaten erschossen. Der Mann hatte versucht, in den Westteil der Stadt zu flüchten. Der gleichaltrige Christian Gaudian wird bei dem Fluchtversuch schwer verletzt.

11.2.1989 Der Chef der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP), Károly Grósz, gibt im Anschluss an eine Sondertagung des Zentralkomitees bekannt, dass die USAP für ein Mehrparteiensystem eintrete.

16.2.1989 Mit einem Wagen dringen vier ausreisewillige DDR-Bürger gewaltsam in den Hof der Bonner Vertretung in Ost-Berlin ein und verletzen dabei einen Volkspolizisten.

19.2.1989 Das Präsidium des Obersten Sowjets der estländischen Sowjetrepublik beschließt die Wiedereinführung des Gedenktages an die am 24. Januar 1918 proklamierte unabhängige Republik Estland. Erstmals spricht das estnische Parteiorgan “Sowjetskaja Estonia” in diesem Zusammenhang von der “Besetzung Estlands durch sowjetische Truppen 1940”. Bisher war stets vom Gesuch der drei baltischen Staaten um Anschluss an die UdSSR die Rede.

21.2.1989 Wegen sogenannten Rowdytums sowie Widerstands gegen die Staatsgewalt bei einer Menschenrechtsdemonstration wird der tschechoslowakische Dramatiker und Bürgerrechtler Václav Havel von einem Prager Gericht zu neun Monaten Haft unter verschärften Bedingungen verurteilt. Im Mai wird Havel auf Bewährung entlassen.

24.2.1989 In Ost-Berlin treffen Hamburgs Erster Bürgermeister Henning Voscherau und DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker zu einem Gespräch über die Elbe-Verschmutzung zusammen. Die DDR sagt die Einbeziehung der Freien und Hansestadt Hamburg in den sogenannten kleinen Grenzverkehr zu.

25.2.1989 Der neue US-amerikanische Präsident George Bush besucht im Rahmen einer Asienreise auch die Volksrepublik China. Er trifft dort u.a. mit Parteichef Zhao Ziyang und Deng Xiaoping zusammen. Dabei weisen die chinesischen Spitzenfunktionäre jede Unterstützung der oppositionellen Kräfte in China als ausländische Einmischung zurück.

25.2.1989 In der georgischen Hauptstadt Tiflis kommt es erstmals zu Demonstrationen gegen den Anschluss Georgiens an die UdSSR 68 Jahre zuvor. Etwa 150 Demonstranten werden kurzfristig festgenommen.


März 1989


2.3.1989 Der Norddeutsche Rundfunk berichtet, die Spionageabwehr habe nach monatelangen Ermittlungen Mitglieder einer Hackergruppe in Hannover enttarnt, die jahrelang für den sowjetischen Geheimdienst KGB gearbeitet hätten.

3.3.1989 Die DDR-Volkskammer beschließt ein Kommunalwahlrecht für Ausländer, die ständig in der DDR leben oder tätig sind.

Der neue ungarische Ministerpräsident Miklós Németh stattet Michail Gorbatschow in Moskau einen Antrittsbesuch ab. Er informiert den KPdSU-Generalsekretär über die Pläne seiner Regierung, die ungarischen Grenzanlagen zu Österreich nicht zu erneuern und ein demokratisches System in Ungarn einzuführen. Gorbatschow versichert, dass sich die Sowjetunion nicht einmischen werde.

6.3.1989 In Bonn wird der Vertrag über eine Städtepartnerschaft zwischen Bonn und Potsdam unterschrieben. Die Unterzeichnung in Potsdam hatte im Januar 1988 stattgefunden. Eine Äußerung des Bonner CDU-Oberbürgermeisters Hans Daniels über die Missachtung der Menschenrechte in der DDR führte jedoch zwischenzeitlich zur Abkühlung der Beziehungen.

Mit einem Treffen der Außenminister der KSZE-Staaten in Wien werden die Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) zwischen NATO und Warschauer Pakt eingeleitet.

8.3.1989 Der 32-jährige Winfried Freudenberg stirbt beim Absturz eines selbstgebauten Ballons in West-Berlin nach seiner Flucht über die Grenze zwischen Berlin-Pankow und Berlin-Reinickendorf und wird somit zum letzten Maueropfer.

10.3.1989 Drei DDR-Bürger werden bei einem Fluchtversuch nach Berlin-Spandau mit Waffengewalt gestoppt und verhaftet. Aus Protest gegen den Schusswaffeneinsatz sagt Bundeswirtschaftsminister Haussmann am 12.3. seinen Besuch der Leipziger Frühjahrsmesse und Gespräche mit Erich Honecker ab.

13.3.1989 Im Anschluss an ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche gehen 300 DDR-Bürger, vorwiegend Ausreisewillige, auf die Straße. In Sprechchören rufen sie: „Wir wollen raus! Wir wollen raus!“ Obwohl wegen der Leipziger Frühjahrsmesse viele westliche Journalisten vor Ort sind, greift die Staatsmacht ein; es kommt zu zahlreichen Verhaftungen.

15.3.1989 Das Zentralkomitee der KPdSU beschließt eine Reform der sowjetischen Landwirtschaft. Das Pachtsystem soll ausgeweitet werden; die staatlichen Kollektiv-betriebe bleiben aber erhalten.

16.3.1989 Das jugoslawische Parlament in Belgrad wählt einen kroatischen Wirtschaftsfachmann zum neuen Ministerpräsidenten, der radikale Wirtschaftsreformen ankündigt.

21.3.1989 Das Präsidium des Obersten Sowjet beschließt die Reduzierung der Streitkräfte um 500 000 Mann bis 1990.

23.3.1989 Das ungarische Parlament beschließt eine Neuregelung des Streikrechts, wonach Teilnehmer an zulässigen Arbeitsniederlegungen nicht mehr diszipliniert werden dürfen.

26.3.1989 Bei den Wahlen zum ersten sowjetischen Kongress der Volksdeputierten setzen sich zahlreiche reformorientierte Politiker durch.

27.3.1989 Der Helene-Weigel-Preis der DDR wird der Schauspielerin Monika Lennartz verliehen.


April 1989


1.4.1989 Die DDR bessert die am 1. Januar in Kraft getretene Reiseverordnung nach; auch angeheiratete Verwandte dürfen im Westen zu besonderen Anlässen besucht werden. Es bleibt jedoch bei der Praxis, dass stets nahe Angehörige in der DDR verbleiben müssen.

Sowjetische Truppenteile werden im Rahmen der nunmehr defensiv ausgerichteten Militärstrategie der UdSSR aus Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR abgezogen.

2.4.1989 Das ungarische nationale Radio sendet erstmals die gesamte Rede des Kardinals József Mindszenty vom 3. November 1956, die bisher als »konterrevolutionär« galt.

Die evangelische Kirche der DDR kritisiert die neue Reiseverordnung und mahnt Reformpolitik wie in anderen Ostblockstaaten an.

3.4.1989 Generaloberst Fritz Streletz informiert führende Militärs mündlich über die informelle Aufhebung des »Schießbefehls« durch Honecker.

5.4.1989 In Polen enden die zweimonatigen Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition am Runden Tisch mit der Unterzeichnung eines »Gesellschaftsvertrags« über umfassende Reformen.

6.4.1989 Bundesdeutsch-sowjetische Wirtschaftskommission tritt in Bonn zusammen

Die niederländische Regierung sagt das geplante Kulturabkommen mit Rumänien wegen der Menschenrechtsverletzungen im Land ab.

7.4.1989 Das polnische Parlament verabschiedet gemäß den Vereinbarungen des Runden Tisches die Neufassung des Gewerkschaftsgesetzes und die Einführung eines Zwei-Kammern-Parlamentes.

Das »Grüne Netzwerk Arche« in Ost-Berlin appeliert in einem Brief an den West-Berliner Bürgermeister Momper, sich bei seinem kommenden Gespräch mit Erich Honecker für Reiseerleichterungen auszusprechen

8.4.1989 Der letzte bekannte Schusswaffengebrauch an der Berliner Mauer beendet am Grenzübergang Chausseestraße den Fluchtversuch zweier Jugendlicher.

10.4.1989 Beim Friedensgebet des AK Gerechtigkeit in Leipzig wird eine Kontaktadresse für die Beratung von Wehrdienstverweigerern bekannt gegeben

11.4.1989 Ein 32-jähriger Offizier flieht während der Liegezeit seines Schiffes in der Kanalschleuse Kiel-Holtenau vom DDR-Frachtschiff »Fichtelberg« und meldet sich beim Bundesgrenzschutz

Das ZDF berichtet über elf DDR-Bürger, die in die Bonner Botschaft in Prag geflüchtet sein sollen.

In Ost-Berlin beginnt eine zweitägige Außenministerkonferenz der Staaten des Warschauer Pakts. In einem Appell “Für eine Welt ohne Kriege” verlangen die Außenminister verstärkte Anstrengungen für die Erhaltung des Friedens und fordern die NATO zu baldigen Verhandlungen über eine Reduzierung der taktischen Kernwaffen in Europa auf.

14.4.1989 DDR-Ökonomen erfahren in Moskau, dass sowohl Sowjetunion als auch CSSR informelle Sondierungsgespräche über einen Beitritt zum Internationalen Währungsfonds (IWF) führen.

16.4.1989 48 DDR-Oppositionelle kündigen öffentlich den Boykott der bevorstehenden Kommunalwahl an

17.4.1989 Die polnische Gewerkschaft „Solidarnosc“ wird nach ihrem Verbot 1981 offiziell wieder legalisiert.

18.4.1989 Die Leipziger SED-Führung berät über Einsatz von Kampfgruppen gegen oppositionelle Demonstrationen.

Bei einem gemeinsamen Manöver von Truppen der DDR und der Sowjetunion haben Medienvertreter aus dem Westen erstmals Gelegenheit zur Berichterstattung.

19.4.1989 Nach Wiederzulassung der Solidarnosc sprechen sich alle Fraktionen des Bundestages dafür aus, den Reformprozess in Polen wirtschaftlich und finanziell zu unterstützen.

22.4.1989 Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking protestieren während der offiziellen Trauerfeier für den gestürzten Reformer Hu Yaobang mehrere Zehntausend Studenten für mehr Meinungs- und Pressefreiheit.

23.4.1989 »Amnesty international« gibt bekannt, dass zwischen 1985 und 1988 in der UdSSR insgesamt 60 und in Bulgarien 32 Todesurteile gefällt worden sind.

24.4.1989 Die ZDF-Sendung »Kontraste« berichtet anlässlich der DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 über die Forderungen von Bürgerrechtlern nach freien und geheimen Wahlen oder aber die Wahl zu boykottieren.

25.4.1989 Das Zentralkomitee der KPdSU wird verjüngt. Zu den 74 ZK-Mitgliedern, die aus Altersgründen ausscheiden, gehört auch der frühere Staatschef Andrei A. Gromyko. Parteichef Michail Gorbatschow begründet dies mit den Erfordernissen der sogenannten Perestroika (Umgestaltung).

26.4.1989 Erich Honecker beklagt vor SED-Bezirksleitern den mangelnden Willen der ungarischen KP, »die politische Macht zu verteidigen«

27.4.1989 Vier DDR-Bürgerrechtler, die am Vortag in Stendal beim Verteilen von Flugblättern gegen Atomenergie verhaftet worden waren, werden wieder freigelassen. Ihnen droht ein Verfahren wegen »staatlicher Beeinträchtigung«.

Der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) trifft zu einem dreitägigen Besuch in der DDR ein. Albrechts Gesprächsthemen mit Vertretern der DDR- Regierung sind u.a. die Errichtung eines Umweltfonds und die Schaffung eines dritten Grenzübergangs zwischen Niedersachsen und der DDR.

28.4.1989 Auf einer „zentralen Dienstbesprechung“ gibt Stasi-Minister Erich Mielke die Aufhebung des Schießbefehls bekannt.

29.4.1989 Die »taz« berichtet über »Ausbürgerungswelle« von Ausreisewilligen im Vorfeld der DDR-Kommunalwahlen.

30.4.1989 Der sächsische Bischof Hempel erklärt gegenüber DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen Löffler, dass sich viele DDR-Bürger vom Staat distanziert haben


Mai 1989


2.5.1989 Ungarn beginnt mit dem bereits im März angekündigten Abbau von Überwachungsanlagen und Stacheldraht an der Grenze zu Österreich.

7.5.1989 Kommunalwahl in der DDR: Laut offiziellen Angaben stimmen 98,85 % für die Kandidaten der »Nationalen Front«. DDR-Bürgerrechtlern gelingt es erstmals, durch eine organisierte Auszählungskontrolle nachzuweisen, dass die offiziellen Wahlergebnisse gefälscht sind. In der Folge finden regelmäßige Proteste gegen den offenkundigen Wahlbetrug statt.

6.5.1989 Die Zahl der DDR-Übersiedler hat in den Vortagen Rekordhöhe erreicht. Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums sind die Aufnahmekapazitäten des Aufnahmelagers Gießen damit „restlos erschöpft“. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Übersiedlerzahl in den ersten vier Monaten des Jahres 1989 verdreifacht.

8.5.1989 János Kádár, ehemaliger ungarischer KP-Chef (1956-1988), wird von seinem Amt als Ehrenpräsident entbunden und verliert damit auch seine letzte Parteifunktion.

9.5.1989 Ein 27-jähriger Schlosser versuchte die Flucht über den Grenzübergang Stolpe. Sein Fahrzeug erleidet jedoch Totalschaden. Der Fahrer wird verhaftet und schwerverletzt in das Kreiskrankenhaus Hennigsdorf eingeliefert.

13.5.1989 Auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens treten mehrere tausend Studenten in den Hungerstreik. Sie fordern mehr Demokratie und Pressefreiheit.

15.5.1989 Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow trifft zum ersten chinesisch-sowjetischen Gipfeltreffen seit 30 Jahren in Peking ein. Der Besuch ist überschattet von Studentenprotesten gegen die Pekinger Führung.

16.05.1989  Die finanzielle Lage der DDR wird immer kritischer: Planungschef Gerhard Schürer warnt im internen Kreis von Wirtschaftsverantwortlichen des SED-Politbüros vor der steigenden Westverschuldung der DDR, die spätestens 1991 zur Zahlungsunfähigkeit führe.

17.05.1989 Václav Havel wird nach Verbüßung der Hälfte seiner Freiheitsstrafe aus der Haft entlassen. Der am 15. Januar bei der Demonstration in Prag zum Gedenken an die Selbstverbrennung Jan Palachs festgenommene Schriftsteller und Bürgerrechtler war wegen „Rowdytums“ zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt worden. Das Urteil hatte zu internationalen Protesten geführt.

20.5.1989 Der chinesische Regierungschef Li Peng verhängt per Staatsdekret über acht Stadtbezirke der Hauptstadt Peking das Kriegsrecht. Am Vortag hatte die chinesische Führung Militäreinheiten in Marsch gesetzt. Ungeachtet dieser Maßnahme setzen die Studenten ihre Demonstrationen fort.

23.5.1989 Die Warschauer-Pakt-Staaten schlagen der NATO in Wien die gleichzeitige Auflösung der beiden Militärbündnisse vor.

25.5.1989 Der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow wird auf der konstituierenden Sitzung des neuen Kongresses der Volksdeputierten zum Staatspräsidenten gewählt.

26.5.1989 Einem 34-Jährigen DDR-Bürger gelingt in einem Ultraleicht-Flugzeug die spektakuläre Flucht von Ost-Berlin in den Westteil der Stadt. Er landet vor dem Reichstagsgebäude.

29.5.1989 Eine dreiköpfige Familie aus der DDR flüchtet in die Botschaft der Bundesrepublik in Budapest, um die Ausreise zu erzwingen. Presseberichten zufolge halten sich dort bereits mindestens zwölf weitere DDR-Bürger auf.


Juni 1989


4.6.1989 Die seit Wochen andauernden friedlichen Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking werden blutig niedergeschlagen.
SED- Politbüromitglied Egon Krenz rechtfertigt das gewaltsame Vorgehen gegen die Studenten. Die versteckte Drohung mit einer „chinesischen Lösung“ der Krise in der DDR gehörte von nun an zum Propaganda-Repertoire des SED-Regimes.

6.6.1989 werden 16 Ost-Berliner Bürgerrechtler nach Protesten gegen die Ereignisse in Peking festgenommen.

7.6.1989 Eine Protest-Versammlung von Menschen, die die Ergebnisse der Kommunalwahl am 7. Mai in Zweifel zogen und als Wahlfälschung anprangerten, wurde in der Ost-Berlin von der Staatssicherheit und der Polizei aufgelöst. Mehr als 120 Personen wurden vorübergehend festgenommen.

8.6.1989 Die DDR-Volkskammer befürwortete in einer Stellungnahme das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in der chinesischen Hauptstadt Peking. Sie bezeichnete es als „Niederschlagung einer Konterrevolution“.

12.6.1989  KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow ist zu einem mehrtägigen Besuch in der Bundesrepublik. In einer gemeinsamen Erklärung versichern beide Staaten, zur Überwindung der Trennung Europas beizutragen.

16.6.1989 Vom Parlament der jugoslawischen Teilrepublik Slowenien wurde eine Verfassungsänderung beschlossen. Sie beinhaltete auch das Recht Sloweniens zu einer Abspaltung von Jugoslawien.

19.6.1989 Der Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Walter Momper, traf erstmals seit seinem Amtsantritt mit dem DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker (1912-1994) zusammen. Das wichtigste Ergebnis der Gespräche waren die Reiseerleichterungen für die Bürger Westberlins.

21.6.1989 Berichten ungarischer Grenzbehörden zufolge, hatte Rumänien an der gemeinsamen Grenze einen 2,5 Meter hohen Stacheldrahtzaun errichtet. Es wurde vermutet, dass Rumänien nach der Grenzöffnung Ungarns zum Westen hin von rumänischer Seite aus Fluchtmöglichkeiten verhindern wollte. Internationale Proteste bewirkten, dass Rumänien am 24.6.an einigen Stellen den Zaun wieder abbaute.

22.6.1989 Der Deutsche Bundestag erließ ein Gesetz, durch das Aus- und Übersiedlern ein vorläufiger Wohnsitz vorgeschrieben werden konnte.

23.6.1989 In der DDR erklärte Joachim Herrmann, Sekretär des Zentralkomitees der SED, dass unter der Fahne „Erneuerung des Sozialismus“ Kräfte am Werk seien, die die Beseitigung des Sozialismus anstrebten. Die SED sah die Entwicklung in Ungarn mit „großer Sorge“.

26.6.1989 Nach dem Friedensgebet in Leipzig nimmt die Polizei den Oppositionellen Sven Kulow fest. Er wird zusammengeschlagen und bis zur Amnestie im Oktober inhaftiert.

28.6.1989 ZK-Generalsekretär Erich Honecker reist in die Sowjetunion und besucht Gorbatschow, der ihn zu Reformen drängt.


Juli 1989


1.7.1989 In einem landesweiten Rundfunk- und Fernsehappell beschwört der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow die nationale Einheit des Landes und kündigt tiefgreifende Veränderungen der Nationalitätenpolitik an.

6.7.1989 Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow spricht als erster osteuropäischer Staatschef vor dem Europarat in Straßburg. Er legt seine Vorstellungen von einem “gemeinsamen europäischen Haus” dar und fordert erneut sofortige Verhandlungen über den Abbau atomarer Kurzstreckenraketen.

16.7.1989 Laut Zeitungsberichten halten sich etwa 30 DDR-Bürger in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest auf, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen.

22.7.1989 Durch eine Nachwahl kommt erstmals seit 1947 ein Oppositionspolitiker ins ungarische Parlament.

27.7.1989 Der Oberste Sowjet der UdSSR beschließt, Estland, Lettland und Litauen ab 1. Januar 1990 weitreichende wirtschaftliche Selbständigkeit zu gewähren.

27.7.1989 Der kubanische Staats- und Parteichef Fidel Castro erklärt, die Unabhängigkeit und der sozialistische Kurs seines Landes hingen nicht von der Unterstützung der Sowjetunion ab. Er beklagt die “kapitalistischen Tendenzen” in einigen Ostblockländern.

29.7.1989 In Peking werden 180 000 Bücher beschlagnahmt, die nach amtlichen Angaben von Verfechtern der “bürgerlichen Liberalisierung” stammen.

30.7.1989 In Moskau wird die erste innerparteiliche Oppositionsgruppe ins Leben gerufen. Bei der Wahl des fünfköpfigen Präsidiums, dem auch Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow angehört, erhält der Radikalreformer Boris Jelzin die meisten Stimmen. Der Gruppe gehören bislang etwa 400 Abgeordnete des Volksdeputiertenkongresses und 90 des Obersten Sowjet an.


August 1989


2.8.1989 Der bisherige polnische Innenminister General Kiszczak wird vom polnischen Parlament mit 237 gegen 173 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt. Sein Vorgänger Mieczyslaw Rakowski war nach dem Wahlsieg des oppositionellen Bürgerkomitees Solidarität zurückgetreten.

8.8.1989 Weil 131 DDR-Bürger in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin Zuflucht gesucht haben, wird das Gebäude wegen Überfüllung geschlossen.

10.8.1989 Zwischen Frankfurt am Main und Leipzig richtet die Lufthansa die erste innerdeutsche Fluglinie ein.

13.8.1989 15 der 131 DDR-Bürger, die sich in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin aufhalten, verlassen freiwillig das Gelände.

14.8.1989 Die bundesdeutsche Botschaft in Budapest, in der sich über 180 ausreisewillige DDR-Bürger aufhalten, wird geschlossen. Der Malteser-Hilfsdienst errichtet daraufhin in der ungarischen Hauptstadt mehrere Zeltlager für DDR-Flüchtlinge.

Bundeskanzler Helmut Kohl ersucht DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker in einem Brief, sich um eine Lösung der Probleme zu bemühen, die durch die Flucht von DDR-Bürgern in die Ständige Vertretung in Ost-Berlin entstanden sind.

Der erst am 2. August zum polnischen Regierungschef gewählte frühere Innenminister General Czeslaw Kiszczak kündigt seinen Rücktritt zum 17. August an, weil es ihm nicht gelungen ist, Mitglieder des Bürgerkomitees Solidarität für sein Kabinett zu gewinnen.

19.8.1989 Etwa 900 DDR-Bürger nutzen das “Paneuropäische Picknick” an der Grenze zwischen dem ungarischen Sopron und dem österreichischen Mörbisch zu einer Massenflucht in den Westen.

21.8.1989 Am 21. Jahrestag der Niederschlagung des “Prager Frühlings” durch Warschauer-Pakt-Truppen 1968 fordern Demonstranten in der tschechoslowakischen Hauptstadt mehr Freiheit. Die Polizei löst die verbotene Demonstration gewaltsam auf.

An der ungarisch-österreichischen Grenze wird ein DDR-Bürger bei einem Fluchtversuch von ungarischen Soldaten erschossen. Nach Angaben aus Budapest handelt es sich dabei um einen Unfall.

23.8.1989 Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag wird geschlossen. Dort halten sich über 100 DDR-Bürger auf.

Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu fordert ein Eingreifen des RGW zur Stabilisierung der Wirtschaftslage in den Ostblockländern. Er weist Meldungen zurück, wonach es in Rumänien erhebliche ökonomische Probleme und andauernde Menschenrechtsverletzungen gäbe.

24.8.1989 108 Bürger aus der DDR, die in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest Zuflucht gesucht haben, dürfen in den Westen ausreisen. Sie werden – versehen mit Ausweisen des Internationalen Roten Kreuzes – nach Wien ausgeflogen.

Das polnische Parlament wählt den Kandidaten des “Bürgerkomitees Solidarität”, Tadeusz Mazowiecki, mit 378 von 423 Stimmen zum Regierungschef.

26.8.1989 Das SED-Organ „Neues Deutschland fordert die DDR-Bürger in einer Leserbriefkampagne auf, ihr Land nicht zu verlassen.


September 1989


1.9.1989 Erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik werden in West-Berlin leerstehende Wohnungen beschlagnahmt. Darin sollen DDR-Flüchtlinge untergebracht werden.

4.9.1989 In Leipzig findet im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche die erste Montagsdemonstration statt: Rund 1.000 Menschen verlangen auf Transparenten und mit Sprechchören mehr Freiheiten und Rechte. Vor westlichen Fernsehkameras reißen Stasi-Mitarbeiter Banner herunter.

5.9.1989 Der Führer der polnischen Gewerkschaft Solidarność, Lech Walesa, trifft zu einem viertägigen Besuch in der Bundesrepublik ein.

7.9.1989 DDR-Sicherheitskräfte verhindern auf dem Ostberliner Alexanderplatz eine Demonstration gegen die mutmaßlichen Fälschungen bei der Kommunalwahl am 7. Mai. Mindestens 40 Menschen werden festgenommen.

9./10.9.1989 Das Neue Forum, die erste landesweite Oppositionsbewegung in der DDR, formiert sich. Im Gründungsaufruf „Aufbruch 89“ wird ein breiter Dialog über demokratische Reformen gefordert. Innerhalb der Oppositions- und Reformbewegung bilden sich bald weitere Vereinigungen. Zu den wichtigsten gehören „Demokratie Jetzt“ und der „Demokratischer Aufbruch – sozial, ökologisch“ (DA), die im September und Oktober an die Öffentlichkeit treten.

11.9.1989 Ungarn öffnet seine Westgrenze für DDR-Flüchtlinge.

Der sowjetische Reformpolitiker Boris Jelzin trifft zu einem achttägigen Besuch in den USA ein. Im Verlauf der Gespräche wirft er dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow vor, sich mit halben Maßnahmen und Kompromissen zu begnügen und so die schwere Krise der UdSSR mitverschuldet zu haben.

In Grünheide bei Berlin gründet sich die DDR-Reformbewegung “Neues Forum”.

14.9.1989 Das monumentale Bauernkriegspanorama des DDR-Malers Werner Tübke wird im thüringischen Bad Frankenhausen der Öffentlichkeit übergeben.

15.9.1989 DDR-Volkskammerpräsident Horst Sindermann lädt eine SPD-Delegation kurzfristig von einem Besuch in Ost-Berlin wieder aus, weil die Visite nicht den “Zielen des Dialogs im Interesse des Friedens, der Sicherheit und der gleichberechtigten Zusammenarbeit” diene.

16.9.1989 In Budapest wird die “Bewegung für ein Demokratisches Ungarn” gegründet. Zwei Tage später unterzeichnen Kommunistische Partei und Opposition ein Dokument, das der Opposition im Parlament bis zu Wahlen ein Mitspracherecht bei wichtigen Fragen zusichert.

22.9.1989 Der Anfang 1981 gegründete, mit der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 aber verbotene Unabhängige Studentenverband Polens wird wieder zugelassen.

25.9.1989 In der Sowjetrepublik Moldawien gehen nach über vier Wochen die Proteststreiks gegen die Einführung des Moldawischen als Staatssprache zu Ende.

Das DDR-Bezirksgericht Rostock verurteilt den ehemaligen Angehörigen des NS-Werkschutzes Jakob Holz zu lebenslänglicher Haft. Holz war an der Ermordung von 28 jüdischen Zwangsarbeitern beteiligt.

26.9.1989 Das ungarische Parlament verkündet, dass von sofort an alle Bürger des Landes ungehindert ins Ausland reisen dürfen.

27.9.1989 Slowenien beschließt Verfassungsänderungen, die der Teilrepublik u.a. das Recht einräumen, sich von Jugoslawien abzuspalten und alternativen politischen Bewegungen mehr Rechte einzuräumen.

30.9.1989 Die über 6000 ausreisewilligen DDR-Bürger, die sich in den Botschaften der Bundesrepublik in Prag und Warschau aufgehalten haben, werden von der DDR “ausgewiesen” und dürfen nach Westdeutschland ausreisen.


Oktober 1989


1.10.1989 Die Volksrepublik China feiert den 40. Jahrestag ihrer Gründung. Eine Militärparade gibt es nicht, dafür ein Kulturprogramm und Feuerwerk.

2.10.1989 Auf Antrag der Regierung verhängt der Oberste Sowjet in Moskau ein 15monatiges Streikverbot für die Schlüsselindustrien. Es gehört zu einer Reihe von Sondermaßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft.

3.10.1989 Die DDR setzt den visumfreien Reiseverkehr mit der Tschechoslowakei vorerst aus.

5.10.1989 An den Grenzübergängen von West-Berlin in den Ostteil der Stadt wird bis zum 9. Oktober mehreren 1000 Personen die Einreise verweigert, offenbar im Zusammenhang mit dem 40. Gründungstag der DDR am 7. Oktober.

6.10.1989 Auf einer Versammlung in der Ostberliner Erlöserkirche billigen etwa 2500 Personen eine Gemeinsame Erklärung regimekritischer Gruppen.

7.10.1989 Die ungarische Kommunistische Partei beschließt ihre Selbstauflösung und die Umwandlung in die Ungarische Sozialistische Partei.

In der DDR wird der 40. Jahrestag der Staatsgründung begangen. Massive Protestkundgebungen begleiten die Feierlichkeiten.

In Schwante im DDR-Bezirk Potsdam wird eine Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) gegründet.

 9.10.1989 Rund 70.000 Menschen gingen in Leipzig auf die Straße, die Sicherheitskräfte greifen nicht ein. Es war die größte Demonstration in der DDR seit 1953.

Das sowjetische Parlament erlässt Bestimmungen, die erstmals in der Geschichte der Sowjetunion Streiks gesetzlich regeln.

11.10.1989 Das SED-Politbüro kündigt “Vorschläge für einen attraktiven Sozialismus” an.

15.10.1989 Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält der tschechoslowakische Schriftsteller Václav Havel.

16.10.1989 In Sofia beginnt das erste KSZE-Treffen über Umweltschutz. Die Verabschiedung eines Schlussdokuments scheitert am 3. November am Widerstand Rumäniens, das als einziges Teilnehmerland die Aussagen zur Rolle der Bürger und der Umweltverbände nicht mittragen will.

18.10.1989 Das Zentralkomitee der SED wählt Egon Krenz “einmütig” zum neuen Generalsekretär der Partei. Vorgänger Erich Honecker hat aus “gesundheitlichen Gründen” um seine Entlassung gebeten.

23.10.1989 Ungarn streicht als erstes Ostblockland die Bezeichnung Volksrepublik aus dem Staatsnamen.

24.10.1989 Der Oberste Sowjet der UdSSR beschließt, künftig alle Abgeordneten auf lokaler und regionaler Ebene direkt wählen zu lassen. Bisher war über die Vergabe eines Drittels der Mandate von Organisationen entschieden worden.

27.10.1989 Zum Abschluss ihrer zweitägigen Konferenz in Warschau betonen die Außenminister der Warschauer-Pakt-Staaten das Recht jedes Volkes auf die “freie Wahl seines gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungsweges” als Voraussetzung für ein “friedliches und unteilbares Europa”.

Der DDR-Staatsrat verkündet eine Amnestie für Flüchtlinge und Demonstranten.

Der letzte große Transport von DDR-Flüchtlingen aus Prag erreicht die Bundesrepublik. Seit Monatsbeginn sind etwa 14 000 DDR-Bürger aus der Tschechoslowakei in den Westen gelangt

28.10.1989 Eine Demonstration gegen die kommunistische Führung der CSSR wird in Prag gewaltsam aufgelöst.

28.10.1989 In der Sowjetunion wird eine “interregionale Vereinigung der demokratischen Organisationen” gegründet.

29.10.1989 Auf einer Massenveranstaltung von etwa 20 000 Menschen in Ost-Berlin diskutieren hohe SED-Funktionäre mit Demonstranten.

31.10.1989 SED-Chef Egon Krenz trifft zu einem zweitägigen Besuch in Moskau ein. Vor der Presse erteilt er einer Parteienvielfalt in der DDR und einer deutschen Wiedervereinigung eine Absage.


November 1989

Die November-Ereignisse sind detailliert hier nachzulesen.


1. 11.1989 Am Morgen befiehlt Egon Krenz als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR: Demonstranten sind am 4. November daran zu hindern, ins Grenzgebiet einzudringen. Die Anwendung der Schusswaffe bei Demonstrationen wird grundsätzlich verboten.

Aufgrund des Drucks der Bevölkerung wird der pass- und visafreie Reiseverkehr von der DDR in die CSSR wieder zugelassen. Erneut strömen DDR-Bürger in die bundesdeutsche Botschaft in Prag, um ihre Ausreise in die Bundesrepublik zu erwirken.

2.11.1989 Tag der Rücktritte: Die 1. SED-Bezirkssekretäre von Suhl, Hans Albrecht, und von Gera, Herbert Ziegenhahn, legen ihre Ämter nieder. Gerald Götting tritt als CDU-Vorsitzender, Heinrich Homann als NDPD-Vorsitzender, Harry Tisch als FDBG-Vorsitzender zurück.

3.11.1989 Am Abend versichert Egon Krenz in einer Fernseh- und Rundfunkansprache den Erneuerungswillen der SED („Ein Zurück gibt es nicht“), verspricht unter anderem die baldige Veröffentlichung des Reisegesetz-Entwurfes, kündigt den Rücktritt von fünf Politbüro-Mitgliedern an (von Hermann Axen, Kurt Hager, Erich Mielke, Erich Mückenberger und Alfred Neumann) und weist auf einige Punkte des in Vorbereitung befindlichen Aktionsprogrammes der SED hin.

Die Ostberliner Regierung beschließt, dass DDR-Bürger das Land ohne irgendwelche Formalitäten über das Gebiet der Tschechoslowakei verlassen können. In den nächsten beiden Tagen machen weit über 10 000 Menschen von dieser Möglichkeit Gebrauch.

3.11.1989 Das „Neue Deutschland“ entschuldigt sich bei seinen Lesern für seinen Bericht vom 21. September 1989 über die angebliche Entführung eines Mitropa-Kochs von Budapest in die Bundesrepublik.

4.11.1989 Auf der bisher größten Kundgebung in der DDR demonstrieren in Ost-Berlin eine Million Menschen für demokratische Reformen und gegen das Machtmonopol der SED. Diese Demo wurde von Künstlern und Kulturschaffenden aufgerufen.
Die Kundgebung in Ost-Berlin steht an diesem Tag im Mittelpunkt der Medien-Berichterstattung, doch finden weitere Demonstrationen in mehr als 40 Städten und Ortschaften der DDR statt.

Im Deutschlandfunk vom 04.11.2014: „Der Komponist und Bürgerrechtler Christoph Schambach, Jahrgang 1963, sprach im Nachhinein aus, was viele an jenem historischen Samstag im November 1989 empfunden hatten:

„Det war so ne solidarische Stimmung unter den Leuten, und alle waren sich wenigstens an dem einen Tag mal einig, hey, wenn wir irgend wat ändern wollen, denn schaffen wir das nur gemeinsam … Det is nochn schönerer Tag gewesen als der Mauerfall selbst, dieser 4. November war eigentlich wirklich der echte Höhepunkt, weil man wusste, die Leute haben ausgedient!“

6.11.1989 Auf den abendlichen Montags-Demonstrationen und den Protestmärschen der folgenden Tage rückt das Thema Reisen in den Vordergrund.

7.11.1989 Die DDR-Regierung unter Ministerpräsident Willi Stoph tritt zurück.

In Moskau wird der 72. Jahrestag der Oktoberrevolution mit einer kurzen Militärparade offiziell gefeiert. Erstmals finden in Moskau und anderen Städten der UdSSR friedliche Gegendemonstrationen statt.

8.11.1989 Das Zentralkomitee der SED wählt in Ost-Berlin ein neues Politbüro.

Nachdem das SED-Zentralkomitee einen entsprechenden Beschluss des Politbüros bestätigt hat, gibt DDR-Innenminister Friedrich Dickel bekannt, dass die Bürgerrechtsbewegung Neues Forum nun doch als Vereinigung zugelassen wird.

9.11.1989 Die DDR öffnet die Grenzen zur Bundesrepublik Deutschland und nach West-Berlin.

Als erste DDR-Bürgerin probiert Annemarie Reffert am 9. November 1989 die neue Reiseregelung aus – in Marienborn und nicht in Berlin.

Beitrag im Deutschlandfunk vom 9.11.2014

10.11.1989 Aufgrund des Massenandrangs scheitert an den Berliner Übergängen der Versuch, ab 8.00 Uhr – wie in der Nacht öffentlich angekündigt – zu einem kontrollierten Reiseverkehr zurückzukehren. Gleichzeitig bilden sich überall in der DDR vor den Volkspolizeikreisämtern lange Schlangen.

Zunehmende Handlungsunfähigkeit des ZK (Hans-Hermann Hertle)

11.11.1989 Volksfeststimmung in Berlin, Staus an den innerdeutschen Grenzkontrollstellen sowie mit DDR-Bürgern überfüllte Innenstädte in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Bayern kennzeichnen das erste Wochenende nach der Öffnung der DDR-Grenzen.

12.11.1989 DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler gibt im DDR-Fernsehen die Aufhebung des Schießbefehls bekannt.

13.11.1989 In der ersten geheimen Abstimmung in der DDR-Volkskammer wählt das Parlament den Vorsitzenden der Demokratischen Bauernpartei, Günther Maleuda, zu ihrem Präsidenten. Es bestätigt außerdem Hans Modrow als Ministerpräsidenten.

Zehnstündige Sitzung der DDR-Volkskammer: Die Abgeordneten der Blockparteien kündigen der SED ihre bislang bedingungslose Gefolgschaft. Sprecher des DBD, der CDU, der LDPD und der NDPD fordern die Streichung des Führungsanspruchs der SED aus der Verfassung sowie freie und geheime Wahlen.

Das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” veröffentlicht einen bislang geheimgehaltenen Bericht über die Verschmutzung der Elbe durch Industriebetriebe und Kommunen in der DDR.

14.11.1989 Der Oberste Sowjet der UdSSR verabschiedet nach heftigen Debatten eine Erklärung zur “vollen politischen Rehabilitierung” der Russlanddeutschen und anderer in der Stalinzeit deportierter Völker. Den Umgesiedelten wird die “unbedingte Wiederein-setzung ihrer Rechte” zugesagt.

Die DDR richtet sich auf die Rückkehr von Übersiedlern ein – doch nur wenige melden sich in den Aufnahmelagern.

15.11.2019 Der Leiter der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik, Arno Donda, teilt mit, dass die statistische Schönfärberei der DDR ab sofort ein Ende haben soll.

16.11.1989 In seiner Regierungserklärung vor dem Bundestag sagt Kanzler Helmut Kohl der DDR wirtschaftliche Hilfe zu, macht diese aber von einem grundlegenden Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems abhängig.

In Bonn wird im Bundestag über die Situation in der DDR und eine mögliche Wiedervereinigung diskutiert.

17.11. 1989 „Samtene Revolution“ in der Tschechoslowakei
In Prag findet am 50. Jahrestag der Schließung tschechischer Hochschulen durch die Nationalsozialisten die erste große Demonstration gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei statt. Auf die gewaltsame Auflösung der Studentenkundgebung folgen friedliche Massenproteste und Streiks im ganzen Land. Das am 19. November 1989 gegründete »Bürgerforum« (OF) mit Vertretern der Charta 77 um Václav Havel und die slowakische Partnervereinigung »Öffentlichkeit gegen Gewalt« (VPN) werden zu Plattformen der demokratischen Protestbewegung. Am 24. November tritt die Führung der Kommunistischen Partei zurück und macht den Weg frei für Reformen und freie Wahlen.

18.11.1989 Die DDR-Volkskammer setzt einen “Untersuchungsausschuss Amtsmissbrauch” ein. In den folgenden Wochen häufen sich Presseberichte über Privilegien früherer SED-Funktionäre, denen u.a. Luxusvillen mit westlicher Ausstattung zur Verfügung gestellt worden seien.

19.11.1989

Nach mehr als 44-Jähriger Unterbrechung gibt es zwischen Hitzacker auf bundesdeutscher und Brandstade/Herrenhof auf DDR-Seite wieder eine Fährverbindung über die Elbe.

20.11.1989 In zahlreichen Städten und Orten der DDR finden wiederum Montagsdemonstrationen statt; in Leipzig heißt die Parole jetzt „Deutschland – einig Vaterland“.

21.11.1989 Kanzleramtsminister Rudolf Seiters berät in Ost-Berlin mit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und Staats- und Parteichef Egon Krenz über Möglichkeiten bundesdeutscher Wirtschaftshilfe für die DDR.

In einer Ansprache zur Amtseinführung von Mielke-Nachfolger Schwanitz erläutert Hans Modrow vor dem Kollegium des Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS), wie das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit neuerdings bezeichnet wird, die Konzeption seiner Regierung. Er bedauerte die durch den Mauerfall entstandene missliche Verhandlungsposition der DDR gegenüber der BRD.

22.11.1989 Das SED-Politbüro erklärt seine Bereitschaft, sich nach polnischem Beispiel mit den Blockparteien, den Gruppen der Bürgerbewegung und den neuen Parteien an einem „Runden Tisch“ zusammenzufinden, um Vorstellungen über die Durchführungen freier Wahlen und einer Verfassungsreform zu erörtern.

23.11.1989

In Rostock wird die Freie Demokratische Partei (FDP) der DDR gegründet; einen Tag später entsteht in Ost-Berlin die Grüne Partei in der DDR.

Günter Mittag, bis zum 18. Oktober ZK-Sekretär für Wirtschaft, wird aus der SED ausgeschlossen. Gegen Erich Honecker wird ein Parteiverfahren eingeleitet. Der DDR-Ministerrat beschließt Maßnahmen gegen „Schieber und Spekulanten“. So sollen u.a. die Zollkontrollen verschärft und bestimmte Waren nur noch an DDR-Bürger gegen Vorlage des Personalausweises abgegeben werden.

24.11.1989 Nach tagelangen Massendemonstrationen für Demokratie und freie Wahlen tritt die gesamte Führung der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei zurück.

28.11.1989 Bundeskanzler Helmut Kohl verkündet ein „10-Punkte-Programm“. Es sieht die Wiederherstellung der deutschen Einheit auf dem Wege einer Föderation in einem Zeitraum von fünf und mehr Jahren vor. Polen sorgt sich um die Gültigkeit seiner Westgrenze. Großbritannien und Frankreich sehen eine neue Großmacht Deutschland am Horizont. Die Sowjetunion fürchtet um die Früchte des entbehrungsreichen Krieges gegen das nationalsozialistische Deutschland. Allein aus Washington kommt Ermutigung.

29.11.1989 Die Staatsanwaltschaft der DDR überprüft Vorwürfe, wonach Deviseneinnahmen von DDR-Außenhandelsfirmen nicht ordnungsgemäß abgeführt worden seien. Insbesondere geht es um den Bereich “Kommerzielle Koordination” (KoKo) beim SED-Zentralkomitee, der Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski untersteht. Dieser wird Anfang Dezember zur Fahndung ausgeschrieben.

Der ehemalige FDGB-Vorsitzende Harry Tisch, zugleich früheres SED-Politbüromitglied, wird wegen Amtsmissbrauch aus dem FDGB ausgeschlossen.

30.11.1989 Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, wird in Bad Homburg durch einen Bombenanschlag der Rote-Armee-Fraktion (RAF) getötet.

Die Bezirksbehörden von Neubrandenburg stellen wegen des Verdachts der Untreue Strafantrag gegen den gestürzten DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker.