Alles bleibt anders.
Vom 26. bis 28. Februar 2026 fand im Ringberghotel in Suhl die 18. Geschichtsmesse der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur statt. Das diesjährige Motto lautete: „Alles bleibt anders. Transformationserfahrungen seit 1989/90“.

Die Veranstalter boten wieder ein abwechslungsreiches Programm. Der erste Tag startete mit der Begrüßung durch die Direktorin der Bundesstiftung, Dr. Anna Kaminsky, und deren Mitarbeitern Michael Wellmann und Sophia Freitag. Basil Kerski (Präsident des Hauses der Geschichte in NRW) hielt den Eröffnungsvortrag und stellte drei Thesen auf:
I. Die Erfahrung des 20. Jahrhunderts sollten wir in unseren Institutionen und Programmen nicht national einschließen sondern international verstehen.
II. Das Jahr 1989 war ein europäisches Ereignis, das wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen sollten.
III. Die Ereignisse von 1989 ist ein unterschätzter und vergessener Epochenwechsel auf allen Ebenen: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Geografie.
Im anschließenden Podiumsgespräch diskutieren Basil Kerski und der Ministerpräsident von Thüringen, Mario Voigt, unter der Moderation von Nine-Christine Müller (Host „Ostwärts“) über die Transformation von 1989/1990 die wir als Chance unserer Demokratie heute begreifen können, wenn wir die Menschlichkeit in den Herzen der Bevölkerung pflegen.
Am Nachmittag gab es verschiedene Exkursionsmöglichkeiten in Suhl: u.a. einen Besuch im Haus der Geschichte, Führung durch die ehemalige SED-Bezirksleitung Suhl oder das Suhler Fahrzeugmuseum oder das Suhler Waffenmuseum. Den Abschluss des Tages bildete ein Panel mit heißem Stuhl, auf dem die Sächsische Landesbeauftragte, Dr. Nancy Aris, mit Sylvia Luck (Beigeordnete der Stadt Suhl) unter Moderation von Nine-Christine Müller zum Thema „Transformationszeit in der Stadt und auf dem Land“ diskutierten.
Am zweiten Tag der Geschichtsmesse referierte Dr. Robin Misrah (Abteilungsleiter für Erinnerungskultur beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur & Medien) über das neue Gedenkstättenkonzept des Bundes. Zentrale Schwerpunkte sind dabei der Erhalt der historischen Orte als materielle Erinnerungsträger, die Digitalisierung sowie Erforschung der gedenkstättenrelevanten Themen. Dabei stehen das Geschichtsbewusstsein, die Demokratiebildung und die Achtung der Menschenrechte besonders im Mittelpunkt der Aufarbeitung. Auf dem anschließenden Podiumsgespräch besprach Dr. Mishra unter Moderation von Tina Handel (ARD Hauptstadtstudio) die Ansätze des neuen Gedenkstättenkonzeptes mit Dr. Helge Heidemeyer (Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen) und Cornelia Thiele (Kuratorin Sammlung & Archiv Stiftung Berliner Mauer). Dr. Heidemeyer bezeichnete die authentischen Orte als das „Kapital der Aufarbeitung“, die selbst wichtige Zeugen der Geschichte sind. Frau Thiele wies auf die Schwierigkeit hin, die Materialität bestimmter Orte zu erhalten, wie beispielsweise der Berliner Mauer, den Grenzanlagen und auch den Gefängnissen. Sie plädierte zudem dafür, die Flucht- und Ausreisebewegung als Migrationsgeschichte zu begreifen, da es heute viele Menschen in Deutschland gibt, die dann Anknüpfungspunkte zu ihrer eigenen Biografie finden könnten.
Auf dem zweiten Podium des 27. Februar 2026 richtete Eric Marr (Journalist) gemeinsam mit Silke Heinz (Redaktionsleiterin Osteuropa & Dokumentationen des MDR), Prof. Olaf Jacobs (Filmproduzent) und Prof. Dr. Marlis Prinzing (Macromedia University Köln) einen medialen Blick auf Ostdeutschland. In der Filmserie „Der Osten in den Medien“ zeichnet sich eine mediale Fokussierung über Ostdeutschland auf markante Jahrestage wie den 3. Oktober oder den 9. November, so Prof. Jacobs. Abseits davon häufen sich die negativen Zuschreibungen über die Ostdeutsche oder den Ostdeutschen. Der Frage nach einer Suche der „DNA des Ostens“ ist Prof. Jacobs in seinem Film „Identitäten ohne Mauern“ nachgegangen.
Der Großteil des zweiten Tages bestand aus der Möglichkeit zur Teilnahme an verschiedenen Panel mit Projektpräsentationen und Workshops zu den Themen Forschung, Bildungsprojekte für Jugendliche, Museen und Ausstellungen, Grünes Band, Jugend erinnert sowie Public History. Auf dem Panel zur aktuellen Forschungsprojekten stellte beispielsweise Thomas Müller (Sächsisches Psychiatriemuseum) ein Thema zum Einsatz inoffizieller Mitarbeiter in der Psychiatrie am Beispiel des Bezirkskrankenhauses Leipzig-Dösen vor. Ziel ist es, die in der Psychiatrie tätig gewesenen IM zu identifizieren und eine Einflussnahme durch das MfS nachzuweisen. Der erste Blick in die Akten belegt eine durchschnittliche Tätigkeit der IM für das MfS mit einer Dauer von acht bis 25 Jahre. Ein Einblick in den 2025 eröffneten Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen gGmbH konnte man auf dem Panel zu Museen & Ausstellungen erhalten. Mit 51 Medienstationen informiert die Ausstellung über Zeitzeugen, deren Weg in den Westen und ihre ersten Schritte in Freiheit. Am Abend konnte eine szenische Lesung von Gundula Piepenbring und Olaf Oelstrom zum Grünen Band besucht werden.
Der dritte Tag der Geschichtsmesse begann mit einem Podiumsgespräch, das Dr. Ulrich Mählert (Bundesstiftung Aufarbeitung) moderierte. Er sprach mit Karoline Gil (Vorstandsmitglied Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde) und Historiker Prof. Dr. Martin Sabrow über „Geschichte. Macht. Politik“ und stellte alternativ die Frage „Macht Geschichte Politik?“. Die Teilnehmer des Podiums waren sich einig, dass Geschichte nicht zwangsweise nach Versöhnung (etwa in der aktuellen Politk) strebt sondern vielmehr die Wahrheit um der Erkenntnis willen sucht. In Deutschland lebt die Aufarbeitung heute von zahlreichen Institutionen, Vereinen und kleinen Aufarbeitungsinitiativen, die dazu beitragen die Erinnerungskultur in die Zivilgesellschaft zu tragen und damit Demokratiebildung betreiben.







