29. Bundeskongress

„Orte bleiben. Gedenkstätten und die Zukunft des Erinnerns“

Unter dem oben genannten Leitthema lud die Beauftragte des Landes Sachsen zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Dr. Nancy Aris, zum 29. Bundeskongress der Landesbeauftragten, der Bundesstiftung Aufarbeitung sowie der SED-Opferbeauftragten beim Deutschen Bundestag vom 24. – 26. April 2026 nach Chemnitz ein.

Der diesjährige Bundeskongress fragte danach, wie Erinnerung lebendig bleiben kann, wenn die Vergangenheit in die Ferne rückt, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zunehmend fehlen und historische Erfahrung nicht mehr unmittelbar weitergegeben werden kann? Dazu lag der Fokus des Kongresses auf ehemaligen Haftorten, an denen in jüngster Vergangenheit neue Erinnerungsorte entstanden sind: die Gedenkstätte Hoheneck und der Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. Der Austausch der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mit den anwesenden Gästen aus Gedenkstätten, Vereinen und Aufarbeitungsinitiativen sowie der Politik war dabei für die Veranstalter besonders wichtig und wurde von allen Beteiligten sehr positiv wahrgenommen. Der Kongress bot viel Raum zum Erkunden der Gedenkstätten, zum Nachdenken, zum Austausch und zum Innehalten an den Orten, die für viele Menschen den Bruch ihrer Biografie herbeigeführt haben. Hier geht es zur Rede der Opferbeauftragten Evelyn Zupke.

Blick in den Innenhof der Gedenkstätte Hoheneck
Blick in den Innenhof der Gedenkstätte Hoheneck

Am Samstag wurden in der Gedenkstätte Hoheneck verschiedene Führungsformate mit unterschiedlichen Schwerpunkten angeboten: Besichtigung der Dauerausstellung, Führung durch das Zellenhaus im Südflügel, Führung durch die Umgebung der Haftanstalt mit historischen Orten und Objekten und eine Führung durch den Haftkeller mit Fokus auf die Wasserzelle. Das Bürgerkomitee nahm an unterschiedlichen Formaten teil um einen größtmöglichen Überblick zu erhalten. Dabei blieben vor allem die moderne, interaktive und audiovisuell Dauerausstellung sowie die eindrückliche Führung durch den Haftkeller vom wissenschaftlichen Leiter Joseph Walthelm in Erinnerung. Hoheneck war der größte Frauenstrafvollzug in der DDR. Von 1949 bis 1989 waren dort tausende Frauen inhaftiert, etwa 40% von ihnen aus politischen Gründen. Im Keller des Zellenhauses war der „verschärfte Arrest“ untergebracht. Hier mussten die Frauen teilweise Wochen oder Monate in Zellen ohne Tageslicht ausharren. In einer Zelle lief das verunreinigte Wasser des maroden Gemäuers hinein, in der die Frauen knöchelhoch in kaltem Wasser stehen mussten. Der Bericht von Zeitzeugin Elke Schlegel über die tagelange Folter in der sogenannten Wasserzelle wirken noch lange bei den Besuchenden nach.

Nach dem Besuch in der Gedenkstätte Hoheneck erhielten die Verbände, Vereine und Aufarbeitungsinitiativen die Möglichkeit über den aktuellen Stand ihrer Arbeit sowie Erfolge und Herausforderungen zu berichten.

Der letzte Tag des Kongresses war dem ausführlichen Besuch des Lern- und Gedenkortes Kaßberg-Gefängnis gewidmet. In den 1950er Jahren wurde das ursprünglich 1877 errichtete Gefängnis zur größten Untersuchungshaftanstalt des Staatssicherheitsdienstes in der DDR ausgebaut. Die Haftanstalt wurde zum zentralen Dreh- und Angelpunkt des Häftlingsfreikaufs aus der DDR, den mehr als 30.000 Personen durchlaufen haben. Unter den Kongressteilnehmern waren zahlreiche Zeitzeugen, die über das Kaßberg-Gefängnis den Weg in die Bundesrepublik gefunden haben. Im Lernort selbst wurden wie am Vortag unterschiedliche Führungsangebote wahrgenommen.

Im Anschluss fand eine Gedenkveranstaltung an der Stele „Den Opfern der Gewaltherrschaft 1945-1989“ statt. Schüler des Karl-Schmidt-Rottluff Gymnasiums Chemnitz stellten ihre Rechercheergebnisse zu durch das Sowjetische Militärtribunal verurteilte Gefangene vor. Unter ihnen war das Beispiel von Ernst Bischoff, dessen Sohn Wolfgang Bischoff 1977 freigekauft worden ist. Ernst Bischoff wurde wegen angeblicher Spionage- und Agententätigkeit zum Tod verurteilt und in Moskau erschossen. Wir gedenken ihm und allen Opfern der Gewaltherrschaft nach 1945.

Wir bedanken uns beim gesamten Team der Landesbeauftragten von Sachsen für die Organisation des 29. Bundeskongresses und den spannenden Austausch!

Fotos: Anna Skiba & Kordula Zollenkop