„Sind wir hier im Westen?“

Projekttag mit Zeitzeuge Günter Wetzel

Am 17. Juni 2026 führte das Dokumentationszentrum in Kooperation mit dem ARTist! e.V. einen Projekttag zum Thema „Flucht aus der DDR“ durch. Dazu haben wir den Jahrgang 11 des Norbertusgymnasiums Magdeburg (120 Schülerinnen und Schüler) in die Kino-Scheune im Moritzhof eingeladen. Zu Beginn nahmen zwei der Kurse vom Norbertusgymnasium an einer Führung durch die authentischen Bereiche der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg teil. Nach einem Impuls und einer kurzen inhaltlichen Einführung in das Thema wurde anschließend der Film „Ballon“ (2018) von Michael „Bully“ Herbig in der Kino-Scheune vom Moritzhof gezeigt. Die zuvor eher ausgelassene Stimmung änderte sich schlagartig. Im Saal wurde es ganz still, man konnte fühlen, wie die SchülerInnen sich in die Vergangenheit des Jahres 1979 bewegten.

Im Ort Pößneck (Thüringen) ist für die Familien Wetzel und Strelzyk klar: Sie wollen die DDR verlassen. Viele Punkte spielen in die Entscheidung hinein: eingeschränkte Reisemöglichkeiten, die Angst, bespitzelt zu werden und die eigene Meinung nicht frei äußern zu, sowie den Kindern eine freie Zukunft zu ermöglichen. Die Möglichkeiten um aus der DDR fliehen zu können sind begrenzt. Für beide Familien scheint der Luftweg der sicherste zu sein. Mit einem selbstgebauten Heißluftballon wollen sie die Grenze zur Bundesrepublik überfliegen. Der erste Versuch scheitert; der Ballon stürzt nur wenige Meter vor der westdeutschen Grenze ab und ruft sofort den Staatssicherheitsdienst der DDR auf den Plan. Mit der Stasi dicht auf den Fersen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und das Wetter: Wetzel und Strelzyk bauen in wenigen Wochen einen neuen Ballon und starten einen weiteren Versuch zur Flucht.

Heute sagt Günter Wetzel: „Wenn dieser Versucht auch gescheitert wäre, hätte es für uns nur eine Möglichkeit gegeben, nämlich in den Grenzzaun zu springen. Dann wäre es wenigstens vorbei.“

Doch die Flucht war geglückt, beide Familien konnten mit dem Heißluftballon schließlich 10 km von der Grenze entfernt bei Naila in Oberfranken landen.

Am 17. Juni 2026 interessierte die SchülerInnen nach dem 2-stündigen Thriller natürlich: Wie ging es danach weiter? Während Peter Strelzyk die Fluchtgeschichte vermarktet hat, zog sich die Familie Wetzel 1980 aus den Medien zurück und baute sich ein neues Leben auf. Heute ist Günter Wetzel in Chemnitz zu Hause und gerne bereit, ins offene Gespräch mit Schulklassen zu treten. An die Filmvorführung im Moritzhof schloss sich ein 90-minütiges Gespräch voller Fragen und neugieriger Gesichter an.

Auf der Internetseite von Günter Wetzel ist der genaue Ablauf der Fluchtgeschichte nachzulesen.

Wir bedanken uns beim Norbertusgymnasium und Dir, lieber Günter, für den spannenden Tag und die Nutzung der Fotografien.

Fotos: Anna Skiba & Sandra Böhme